Führungsfragen: „Ich mag Menschen!“

„Ich mag Menschen und ich kann gut mit ihnen umgehen!“, sagte einer meiner Kommilitonen während des Studiums mal. Ich staunte. Ich kannte ihn als launischen jungen Mann. Wenn er sich ärgerte, zog er sich zurück und verstummte. Und er ärgerte sich oft. Zum Beispiel sobald jemand etwas besser konnte oder mehr wusste als er selbst. Sein Ziel war eine Führungsposition und er empfand sich als prädestiniert.

Die Vorstellung, alle Menschen zu mögen, fand ich absurd. Und die Idee, „gut mit Menschen umgehen zu können“, fand ich höchst merkwürdig. Denn für mich heißt dies, dass ich mich aus dieser Gruppe – „Menschen“ – herausnehme, dass ich irgendwie darüber stehe. Und das kollidiert mit meinem Verständnis von Führung. Doch in vielen Unternehmen ist die Vorstellung von hierarchischen Strukturen und Mitarbeiter*innen, die sich in A, B und C einteilen lassen, verbreitet.

Aus meiner Sicht sind dies mechanistische Auffassungen von Führung und eine Orientierung an einem Menschenbild, bei dem für Führung Zuckerbrot und Peitsche ausreichende Werkzeuge sind.

Führung und menschliche Chemie

Menschen sind sehr unterschiedlich. Sie finden unterschiedliche Dinge unterhaltsam, inspirierend, erstrebenswert. Wenn wir einander begegnen, wissen wir oft nach Millisekunden, ob die „Chemie stimmt“ oder nicht. Wie wichtig ist es, dass die Chemie zwischen Mitarbeiter*innen und Führungskraft stimmt?

Sicherlich gibt es Menschen, die ich so richtig gar nicht leiden mag. Ich empfinde sie als bösartig, kurzsichtig, ungerecht und was nicht noch. Und wie sehen diese Menschen mich? Für gewöhnlich mögen auch sie mich nicht sonderlich leiden. Und was folgt daraus?

Wenn ich jemanden völlig ablehne oder er bzw. sie mich, werden wir Probleme dabei haben, einander zu vertrauen. Wenn ich als Vorgesetzte*r jemandem nicht vertrauen kann, werde ich mich immer genötigt sehen, die Arbeit zu überwachen und die Ergebnisse besonders gründlich zu überprüfen. Und nicht nur das: Wenn die Antipathie nur groß genug ist, werde ich mich sogar freuen, wenn ich dem oder der anderen eine Nachlässigkeit nachweisen kann. Da bekanntlich niemand perfekt ist, werde ich immer etwas finden.

Umgekehrt werde ich einem Chef oder einer Chefin, die ich nicht leiden kann, immer unterstellen, dass sie mir Böses wollen. Oder dass sie unfähig sind. Und ich werde immer etwas finden, um diese Sichtweise und Haltung zu untermauern. Denn, wie gesagt: Niemand ist perfekt. Und irgendwas ist immer.

Antipathie, Vielfalt und Werte

Nicht in allen Bereichen, in denen ich als Unternehmerin tätig bin, kann ich mir aussuchen, mit wem ich arbeite. Und nicht alle Menschen, denen ich nicht ausweichen kann, sind mir sympathisch.

Im Unternehmen versuche ich, das Team insgesamt auch dadurch zusammenzuhalten, dass jede*r bei einer Neurekrutierung ein Vetorecht bekommt. Teil unseres Rekrutierungsprozesses ist das „Team-Grillen“: Potenzielle neue Kolleg*innen stellen sich dem gesamten Team vor und bekommen von jedem Teammitglied Fragen gestellt. Auch die Teammitglieder stellen sich vor. So entstehen erste Anfänge von Beziehungen. Sollte jemand aus dem Team diese Millisekunde der Antipathie durchleben, gibt es die Möglichkeit, ein Veto einzulegen. Das Veto muss nicht begründet werden. So bringen wir zumindest im Großen und Ganzen Menschen ins Team, mit denen das bestehende Team „chemisch kann“.

Insgesamt würde ich mir im Team noch mehr Heterogenität wünschen. Wir sind schon ein „bunter Haufen“ – aber es geht durchaus bunter. Und ich bin davon überzeugt, dass es dem Unternehmen insgesamt gut tun würde.

Was aber stimmen muss, sind die Werte: Sollte jemand nur darauf aussein, schnell Karriere zu machen und viel Geld zu verdienen, wird dieser Mensch bei uns nicht glücklich. Doch auch Menschen, die denken, Geld sei per se schlecht und ein Wirtschaftsunternehmen bestünde nur aus ausbeuterischen Aasgeiern, finden bei uns kein gutes Zuhause.

Reibung bringt Energie

Darum geht es letztlich: Damit Führung gelingen kann, müssen wir uns nicht alle lieben und heiraten wollen. Wir müssen nicht alle beständig Schmetterlinge und Einhörner sehen: Meinungsverschiedenheiten und das Ringen um den richtigen Weg gehören zum Leben dazu – auch im Unternehmen. Und ganz sicher in der Führung.

Wichtig ist ein Grundverständnis davon, dass jedes Teammitglied Verantwortung trägt, dass alle mittun, alle an Erfolgen beteiligt sind – und dass jede*r Fehler macht. So wird Führung zu nichts anderem als zu Kommunikation. Und Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Die Grundlage für gelingende Kommunikation ist im Übrigen gegenseitiger Respekt. Ohne den funktioniert gar nichts. Und so ist für mich die zentrale Frage nicht, ob jemand „Menschen mag und mit ihnen umgehen kann“, wenn jemand sich für eine Führungsposition interessiert. Vielmehr ist für mich die Frage, ob jemand in der Lage oder doch zumindest bemüht ist, auch dann respektvoll zu kommunizieren, wenn die Basis gegenseitiger Sympathie brüchig ist.


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