Auch eine Weihnachtsgeschichte … vor langer Zeit in Australien

Weihnachten in MelbourneVor langer Zeit war ich für ein zwölfmonatiges Verlagspraktikum in Sydney. Work & Travel gab es damals noch nicht: Dank toller Unterstützer hatte ich einen Praktikumsplatz bekommen. Mein Arbeitgeber hatte sich um das Visum für zwölf Monate gekümmert. Und ich hatte eine wundervolle Zeit in Sydney verbracht. Ein Jahr nach meiner Ankunft in Australien hatte ich allerdings keinerlei Lust, ins alte Europa zurückzukehren. Es gab noch so viel Welt zu sehen. Und vor allem gab es viel von Australien, das ich nicht erkundet hatte. So besorgte ich mir ein Touristenvisum für weitere insgesamt sechs Monate, um den roten Kontinent zu erforschen. Gegen Weihnachten war ich in Melbourne.

Ich wohnte in einer besseren Jugendherberge. Und suchte mir eine Arbeit. In einem schnuckeligen Bistro wurde ich fündig: Tellerwaschen in Melbourne. Nun muss man wissen, dass niemand in Australien mit einem Touristenvisum arbeiten darf. Es gibt strenge Vorschriften, saftige Strafen und sofortige Ausweisung bei Verstoß. Die Geschichten von Reisenden, die im Handumdrehen ins nächste Flugzeug gezerrt worden waren, machten unter den Rucksackreisenden die Runde. Andererseits ist die Gastronomie in der ganzen Welt, vermutlich ähnlich wie das Baugewerbe und einige Bereiche in der Landwirtschaft, auf die nomadisierenden Arbeitswilligen angewiesen.

Um nicht direkt aufzufliegen, kannte man mich auf Arbeit als Rebecca Winter. (Das „de“ hatte ich unterschlagen, damit ich nicht gleich entlarvt würde, falls jemand den Roman von Daphne du Maurier gelesen hatte.) Ich lernte, Vorspeisenplatten anzurichten, wusch in der winzigen offenen Bistro-Küche mit einem Chef und einem Sous Chef Geschirr, vor allem die Pfannen, die mit Karacho vom Gasherd gleich in die Spüle flogen. Ich spülte und putzte wie blöde, machte Croutons und war für die Salate zuständig.

Beim Einstellungsgespräch wurden die Augen meines Gegenübers groß, als ich sagte: Nö, keine Küchenerfahrung. Aber die Verzweiflung meines Arbeitgebers führte dazu, dass er mich trotzdem anheuerte. Mit dem gemurmelten Zusatz: Es ist Weihnachten – Hochsaison! Mal schauen, wie lange du durchhältst. Na, schönen Dank auch. Offenbar schlug ich mich aber wacker und zuverlässig.

Das Ganze ist so lange her: Es gab noch keine Handys. Und ich musste wohl beim Ausfüllen meiner Unterlagen für die Arbeit die Telefonnummer meiner Herberge angegeben haben. Auf jeden Fall kam ich eines frühen Abends an einem meiner freien Tage in mein Quartier zurück, wo der Kerl an der Rezeption mich frech anfeixte. Das Grinsen war unglaublich breit, vielleicht wackelte er vor Vergnügen auch mit den Ohren, ich erinnere mich nicht mehr genau.

„You’ll get deported!“, sang er ein Spottlied, als er mich sah. „Du wirst des Landes verwiesen!“, gluckste, sang und lachte er voll Vergnügen. Dieser tolle Typ hatte mein Bistro am Telefon gehabt. Die hatten mich zu einer Sonderschicht angefordert; ich solle sofort kommen. Natürlich hatten sie nach Rebecca Winter gefragt. Der deutschen Rebecca Winter. Und mein Rezeptionist hatte sofort geschaltet. (Dort hatte ich meinen richtigen Namen samt Nummer des Reisepasses angeben müssen.)

Damit hatte er mein Weihnachtsfest gerettet. Denn anstatt im nächsten Flieger nach good ol‘ Germany verbannt zu werden, fuhr ich für die freien Weihnachtstage mit einer Freundin auf die Farm ihrer Mutter, weit, weit weg von Melbourne. Wir plantschten in warmen Bächen, wanderten hinter Wasserfällen entlang und wurden von gigantischen Egeln angefallen. Ich durfte nicht ins Haus, bis ich endlich aufgehört hatte, aus -zig Löchern zu bluten, nachdem die Egel ihr Sekret in meinen Wunden hinterlassen hatten. Und wir feierten eines der denkwürdigsten Weihnachtsfeste, die ich bis dato erlebt hatte. Ich weiß nicht einmal mehr, wie er hieß, der junge Mann an der Rezeption. Aber mich nicht zu verraten, das hatte er richtig, richtig gut gemacht! (Auch wenn es nicht ganz legal war. Aber, hey, das ist jetzt auch wirklich längst verjährt! Und mit Work & Travel gibt es heute ganz reguläre Möglichkeiten, genau so zu arbeiten und zu reisen. Jedenfalls ohne Corona.)

Jedes Jahr denke ich Weihnachten auch an diese verrückte und wundervolle Weihnachtszeit in Australien. Und wo auch immer in der Welt du jetzt bist, und wo auch immer du gern wärst: Ich wünsche auch dir wundervolle Tage!

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