Kerstin Friedrich: Abenteuerreise in eine lebensfreundliche Ökonomie

k1 Wir hatten Euch eine Zusammenfassung der Keynotes versprochen. Hier eine der Beitrag über Dr. Kerstin Friedrichs Rede zum Thema „Abenteuerreise in eine lebensfreundliche Ökonomie“.

Kerstin gesteht zuerst, dass sie den Begriff „Inspirited“ erst einmal googeln musste. Damit ist sie nicht allein: Kaum jemand weiß „einfach so“, was inspirited bedeutet. Denn es ist ein Kunstwort. Zuerst dachte sie, es hieße einfach „inspired“, und auch das geht vielen so. Inspirited setzt sich aber zusammen aus „inspired“, also inspiriert, und „spirited“ (energisch, lebendig, munter und mutig) – wenn man Übersetzungen findet, dann heißt es so etwas wie „beseelt“.

Eigentlich sei die Beseelung doch Aufgabe der Kirche – was also hat sie auf einem Business-Tag zu suchen? In einem Unternehmen, das Unternehmer und Führungskräfte ansprechen will? Und was hat das alles mit dem Welt-Verbessern zu tun?

Eigentlich wollte Kerstin immer schon die Welt verändern – das kommt sicher nicht nur mir bekannt vor. Damals dachte sie, VWL zu studieren wäre dafür eine tolle Idee.  Sie wurde schnell eines besseren belehrt. Damals gab es nur zwei vorherrschende Modelle, wie Wirtschaft funktionieren könne:

Plan A: Die soziale Markwirtschaft, der Kapitalismus (basierend auf freier Wahl und Schwarmintelligenz).k5
PlanB: Zentrale Verwaltungswirtschaft (wie man sie damals aus dem Sozialismus, der UDSSR und DDR kannte)

Hier im Westen, wo sie studierte, war klar: Plan A ist das „Bessere“. Als der Ostblock fiel, hatten wir „gewonnen“, und seitdem wird das nicht mehr hinterfragt: So betreiben wir Wirtschaft. Aber mittlerweile vermissen viele Wirtschaftswissenschaftler die Modellvielfalt in der Ökonomie: Gibt es wirklich keine Alternativen zum Kapitalismus? Hat sich der Kapitalismus, wie Jeremy Rifkin sagt, „zu Tode gesiegt“?

Wir leben in einer Zeit, in der wir einem Drama des Überflusses ausgesetzt sind: „Früher haben wir Hungrige satt gemacht, heute müssen wir Satte hungrig machen“. Bei minimalem Ressourcenaufwand wollen wir maximale Produktivität. Und das erreichen wir sogar. Wir sind mit Gütern wesentlich besser versorgt als noch vor wenigen Jahrzehnten. Der daraus resultierende Wohlstand ist ein klarer Vorteil. Oder etwa nicht?

Als die Ökonomie entwickelt wurde, war auch die Psychologie noch nicht sehr weit. Damals stand die Evolutionstheorie im Vordergrund, der Überlebenskampf, „survival of the fittest“ (also das Überleben des Anpassungsfähigsten). Daraus resultierte in der Ökonomie der Kampf um Marktanteile. Das Menschenbild des Kapitalismus ist der Homo Oeconomicus, der um jeden Zentimeter grausam kämpfende, von Gier gesteuerte Mensch. Die Maximierung des Kapitales steht für ihn im Mittelpunkt. Wenn der Homo Oeconomicus kooperiert, dann nur aus eigennützigen Motiven. Wir glauben, dass Egoismus gesund sei: Wenn jeder seine eigene Wertsteigerung im Sinn hat, läuft die Wirtschaft rund, und allen ist gedient.

Wirklich?

Fk4ür unsere Sättigung zahlen wir einen hohen Preis. Burnout und Depressionen sind die neuen Volkskrankheiten. Obwohl wir gesünder leben, werden wir immer kränker. 60 aller Erkrankungen sind psychosomatisch, sagt eine neue Studie. Nur 16 Prozent der Arbeitnehmer fühlen sich eng an ihre Firma gebunden – alle anderen machen Dienst nach Vorschrift oder haben innerlich schon gekündigt.Das kostet die Wirtschaft Milliarden.
Und es beginnt schon in der Schule. Vor dem ersten Schultag bekommen Kinder nicht etwa gesagt: „Jetzt beginnt eine abenteuerliche Suche auf der Weg zu einer begeisternden Traumerfüllung“, sondern „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens“. Und dementsprechend ist das Schulsystem aufgebaut: Auf das sozialökonomische Optimum ausgerichtet, nicht auf den individuellen Menschen.

Sind wir Menschen wirklich so?

Gibt es keine „beseelte“, motivierende, begeisternde Ökonomie?

Doch: Es gibt sie. Nur nicht in den Hochschulen.

Ökologieverträgliche Unternehmensstrukturen sind unabdingbar, wenn wir in folgenden Jahrhunderten handlungsfähig bleiben wollen. Es gibt nachhaltige und Bio-Unternehmer wie Gunter Pauli, die extrem erfolgreich sind – mit Geschäftsmodellen, die nach dem herkömmlichen Kapitalismus nicht funktionieren dürften. Es gibt Unternehmensmodelle basierend auf ganzheitlichen Ressourcenkreisläufen, die nicht die Produktivität und das Kapital in den Vordergrund stellen – und trotzdem gesunde Gewinne einfahren.k3 Denn Gewinn IST gesund!

Eigentlich hätte die Ökonomie von Psychologen erfunden werden müssen. Denn ökonomisches Handeln ist menschliches Handeln. Das System muss den Menschen gerecht werden. Auch in der Medizin werden die menschlichen Grundbedürfnisse immer mehr in den Vordergrund gerückt. Die alte Idee „Menschen sind dumm und brauchen Führung, um zu funktionieren“ ist längst überholt. Der Mensch lebt nicht nur für Art- und Selbsterhalt, sondern braucht soziale Bindungen. „Aus neurobiologischer Sicht sind wir auf soziale Resonanz und Kooperation angelegte Wesen. Kern aller menschlichen Motivation ist es, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung oder Zuneigung zu finden und zu geben. Das Bemühen des Menschen, als Person gesehen zu werden, steht über dem, was als Selbsterhaltungstrieb bezeichnet wird“. (Prof. Dr. Dr. Joachim Bauer)

Jeden beseelt zwischenmenschlicher Input mehr als ein Scheck – mittlerweile wissen wir das.

Demnach müssen Unternehmen aufgebaut werden, die eine andere Art von Kultur pflegen: Die das Unternehmen als Zusammenkunft von menschlichen Wesen mit sozialen Grundbedürfnissen verstehen.

Unternehmen, wie es sie in der Small Giants Bewegung schon gibt.

Die Small Giants sind Unternehmen, die sich vorgenommen haben, großartig zu sein – anstatt groß. Sie haben ihre Führungsmodelle aus der Praxis heraus entwickelt. Kerstin nennt als Beispiel SRC, die ihre Mitarbeiter motivieren, sich mit Zahlen und Finanzen zu beschäftigen. Great Game of Business nennen sie das – später werden wir noch einen Workshop zum Thema erleben (von dem wir hier im Blog auch noch berichten werden).

Jeder Mitarbeiter muss wissen, was er dazu beitragen kann, damit das „Great Game of Business“ gespielt werden kann. Die Mitarbeiter werden so zu k2Mitunternehmern: Teile den Gewinn und arbeite für die Gemeinschaft. Das Unternehmen gehört allen, die an einem Strang ziehen. Konflikte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gibt es damit nicht mehr. Durch gemeinsames Visioning (auch hierzu gibt es später auf dem Inspirited Day einen Workshop) erschaffen wir gemeinsame Erfolgsbilder, die das Unternehmen tragen. Gewinn ist dabei erwünscht: Er ist Mittel zum Zweck und dient der Entwicklung der Gemeinschaft.

Es braucht also sinnvolle Strategien und Geschäftsmodelle: Für uns als Unternehmer und Führungskräfte, aber auch für uns als Konsumenten. Es geht darum, nicht mehr jeden „Quark“ zu kaufen, auf unseren eigenen Konsum zu achten: „Wir brauchen Regeln und Prozesse, die für Gemeinschaft, Anerkennung und Wertschätzung sorgen“. Wir brauchen Lern- und Spielfreude und Kreativität in unseren Arbeitsprozessen. Die Small Giants zeigen mit ihrem Great Game of Business, dass es geht.

 

 

(Dieser Artikel ist nicht von Kerstin Friedrich geschrieben, sondern eine Zusammenfassung ihres mündlichen Vortrages auf dem Inspirited Day 2014!)

 Bleibt dran: Demnächst hier im Blog: Zusammenfassung des Workshops „Great Game of Business“ mit praktischen Handlungsanleitungen sowie Steven Wilkinsons Keynote über Führung. Es bleibt spannend!

2 thoughts on “Kerstin Friedrich: Abenteuerreise in eine lebensfreundliche Ökonomie

    • Sorry, Skessler, sehe die Frage erst heute! Der Workshop von Kerstin Friedrich „Abenteuerreise“ fand am Inspirited Day 2014 statt. Beim nächsten Inspirited Day wird Kerstin allenfalls als Teilnehmerin dabei sein, nicht aber als Speaker. Weitere Infos auf ihrer eigenen Seite: http://www.friedrich-strategie.de/
      Schöne Grüße
      Barbara Budrich

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