Behutsame Persönlichkeitsentwicklung

Ulrike Scheuermann: Innerlich frei

Was wir gewinnen, wenn wir unsere ungeliebten Seiten annehmen. München 2016.

Ulrike Scheuermann erschreibt sich seit vielen Jahren einen guten Namen – und das völlig zu Recht. Fundiert, authentisch, nachvollziehbar und unterhaltsam kommen ihre Bücher daher – ob zum Schreiben oder zur Persönlichkeitsentwicklung. Das ist an sich schon sehr sympathisch. Wer sich jedoch mit ihren Büchern auseinandersetzt, der weiß zu schätzen, wie viel sie darin vermittelt. In ihrem Buch „Innerlich frei“ befasst sich Ulrike Scheuermann mit der Frage, wie wir mit unseren ungeliebten Seiten zurecht kommen können. Sie fragt nach den Zutaten eines erfüllten Lebens und denkt über den Umgang mit Licht und Schatten im Leben nach. Denn unabhängig von dem, was uns die „Selbstoptimierer“ einflüstern möchten, ist kein Leben frei von Schattenseiten. Und ein erfülltes Leben bedeutet nicht, jeden Tag von morgens bis abends glücklich grinsend, selbstzufrieden und perfekt herumzulaufen und zu glauben, man habe keine Schwächen.

In drei Teilen lädt Ulrike Scheuermann ihre Leserinnen und Leser ein, in den Spiegel zu schauen. Und gibt dabei viel von sich selbst preis, von ihrer eigenen Nicht-Perfektion und ihrem achtsamen Annehmen des Nicht-Perfekten bei sich selbst und bei anderen. Im ersten Teil zeigt sie, wie wir uns von äußeren Einflüssen und irrigen Annahmen – zum Beispiel ausgelöst durch Werbung und durch den Konsumwettbewerb um Status – anstecken und in Richtungen treiben lassen, die uns nicht erfüllen können. Denn diese paradiesischen Verlockungen führen zu einem einseitigen Glücksstreben, das uns in dem Irrglauben handeln lässt, wir könnten aus uns selbst heraus an einen Ort gelangen, an dem wir „es geschafft haben“ und fürderhin in Glück und Erfolg leben.  Dem hält die Autorin entgegen, dass Glück und Erfolg Prozesse sind, keine Endpunkte. Und nicht alle Ereignisse in unserem Leben können wir selbst beeinflussen, lediglich unsere Reaktionen darauf bzw. unseren Umgang damit. „Erst aus dem vollständig gelebten Leben“, sagt sie, „erwächst eine Tiefe und Erfüllung, die uns fehlt, wenn wir nur auf der hellen Seite sein wollen“ (S. 102).

In Teil zwei erläutert Ulrike Scheuermann, an welchen Stellen wir innehalten und wie wir uns mit den Dingen auseinandersetzen können, die uns am meisten im Wege stehen. Das Unterbewusste nährt unsere Ängste und die Flucht vor unseren Ängsten lässt diese umso größer werden. Erst wenn wir uns unseren Ängsten stellen, werden wir freier und können unbefangener Entscheidungen treffen, die authentisch zu uns selbst passen.

Der dritte Teil skizziert, wie wir Unausweichliches annehmen können, wie wir in schier unendlichen Facetten Liebe und Nähe leben können. Auch, wie wir uns dem annähern können, was unser Leben in einen größeren Kontext stellt. Denn entgegen genereller Annahmen über Gier und Egoismus des Menschen, zeigt sich, dass Zugehörigkeit und eine größere Lebensaufgabe das eigene Leben größer machen können. Wenn wir es schaffen, so die Autorin, unsere eigenen ungeliebten Seiten anzunehmen und die Dinge und unser Leben so annehmen, wie sie sind, dann befinden wir uns – immer mal wieder für ein Stück – auf dem Weg zur inneren Freiheit.

Ein schönes Buch, das ich sehr gern gelesen habe, voller „Kenn-ich“-Momente, aber auch voller „Aha“-Momente. Mit vielen Übungen, die zum Weiterentwickeln der eigenen Persönlichkeit einladen. Ulrike Scheuermann ist definitiv eine der einflussreichsten Autorinnen im Bereich der achtsamen und respektvollen Persönlichkeitsentwicklung. Danke für dieses Buch!

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